Schweigen und predigen

Mit Dröhnschädel entsteige ich dem Gästebett, friere unter der Dusche, die auf warm gestellt.

Bin im Arbeitszimmer, steht auf dem Zettel auf dem Küchentisch. Ich gieße mir Kaffee ein aus der Thermoskanne, trinke die Wärme, er schmeckt mir nicht. Den zweiten Becher in der Hand klopfe ich und trete ein. E steht vom Schreibtisch auf, umarmen. Meine Stimme knarzt. E, ich kann nicht lange reden, bitte rufe meine Eltern an, ich bleibe hier. K, deckst du den Tisch, kochst Eier? Ich nicke.

Wir frühstücken. E, was machst du? Schreibe ich auf einen Block. Ich schreibe Predigten im Akkord. Gestern Abend, du warst schon im Bett, rief die Frau eines jungen Kollegen an. Ihm geht es wie dir, ich werde ihn vertreten. Für den ersten Gottesdienst fehlt mir noch die Musik. Soll ich den Talar bügeln, kritzel ich. Das wäre gut, er hängt im Schlafzimmer. Ich nicke. Wärmst du so gegen eins die letzte Hühnersuppe und kochst Nudeln? Ich nicke, räume ab, und stelle mich ans Bügelbrett. Wolle und viele Falten, oft feuchte ich das Leinentuch. Du machst das gut, E steht neben mir, wedelt mit Papier. K, das ist mein Entwurf für 15.00 Uhr, die Mail mit der Musik, das passt nicht ganz zusammen, kannst du das redigieren. Ich nicke.

Ich koche Tee. Salbei für mich, Earl Grey für E. Der Duft von Bergamotte, dringt zu mir durch. Ich mochte ihn noch nie. Ich denke an D, die erste Frau, die ich geliebt. Strahlend servierte sie mir welchen, als ich nach unserer ersten Nacht aus der Dusche kam. Am gleichen Tag kaufte sie Kaffee und ich Earl Grey.

Ich brauche, die Liturgie, Bibel und Konkordanz, steht auf dem Zettel, den ich E mit dem Tee serviere. E speichert, druckt und wundert sich. Ich schreibe, von meiner Jugendzeit, in der ich täglich Bibel gelesen. E, wenn ich das wieder kann, erzähle ich dir davon, kritzele ich. Ich bin gespannt, sagt E.

Ich setze mich an den Tisch vor dem Fenster im Gästezimmer, auf dem  im Stövchen ein Licht wärmt und denke an A, meinen Liebstenvater, einst war dieses Zimmer seins. A, was ich dir nie gesagt, der Großvater, den ich erlebt schätzte das gleiche Rasierwasser wie du. Für ihn war das Luxus und eine Flasche ein willkommenes Weihnachtsgeschenk.

Ich lese. Das Gesangbuch bitte, schreibe ich und gehe nach nebenan. Warum? Die Nummern sagen mir nichts. E greift ins Regal. Ich blättere, singe im Hirn, streiche, stelle um, finde Synonyme, schaue aus dem Fenster, lese noch mal, radiere, spitze den Bleistift an. Ich trage die Blätter nach nebenan. Danke sagt E, reicht mir die nächsten Blätter. Ich lese, Kästner sagt das besser, ich krame in der Suchmaschine nach dem Zitat, streiche und füge ein. K, danke, ich habe noch was geändert, reicht mir die Zettel. Ich habe die die Datei geschickt, arbeitest du die Änderungen ein. Ich nicke. Ausdruck in vierundzwanzig, ich nicke. Ich muss einmal durch den Park, sagt E. Gleich, ich möchte dir was zeigen, schreibe ich.

Wir gehen auf den Balkon. Im Kasten blüht ein Hornveilchen, violett und weiss. T’s Lieblingsblume. Tränen rollen aus vier Augen, aneinander halten wir uns fest. E zieht sich Schuhe an, ich setze mich, streiche, variiere Worte, setze Nudeln auf, wärme Suppe, drucke. Wir löffeln. E schaut auf die Uhr, liest, nimmt den Kugelschreiber. Tippst du für mich? Ich nicke. Weckst du mich? Ich brauche eine halbe Stunde Augenpflege. Ich nicke, setze mich an den Rechner, drucke aus, setze Kaffee auf, schmiere Butter auf Rosinenstuten, wecke E, sie geht ins Bad, ich putze ihre Schuhe.

Wir trinken, essen. E, was ist mit der dritten Predigt? Die halte ich frei, ich habe mich entrostet.  Christrose, ich mag sie  sehr. Ich auch, schreibe ich. Heute Nacht werde ich auch vom Hornveilchen sprechen und von der Liebe, auch von Dir und T . Nach ihrem langen sterben habe ich in viele Schriften geschaut, auch in jene, die nicht in die „Bibel“ aufgenommen.

Gefunden habe ich nichts über ihren Schmerz um den hingerichteten Sohn, Verklärungen viele. Auch davon möchte ich sprechen.

Zusammen gehen wir zum Auto, ich trage die Schachtel mit dem hanseatischen Kragen. Kommst du mit? Mich ruft das Bett, schreibe ich. Machst du nachher Essen? Matjessalat, so gegen acht? Ich freue mich. Ich auch. Wir umarmen. E startet, ich gehe ins Haus zurück, trinke Tee, lausche  der Stille. Ich stelle den Wecker.

Ich bette mich, Schlafe ich, träume ich? Zartvertraut, schnarchend, T, du bist an meiner Seite. Ich stehe auf, ganz ohne dich, kalten Salbei trinke ich und gehe pinkeln. Ich schüttele das Zudeck und schlafe ein. Schweisskalt erwache ich. T, eben lag ich noch in deinen Armen. Ich übe noch, ohne dich zu leben.

Der Wecker. Ich erhöre, setze Kartoffeln auf, schneide Matjessalat, höre den Schlüssel. E geht ins Bad, wir essen. Mich rufen die Kissen.E, nimmst du mich nachher mit? Sie nickt. Weckst du mich? Na klar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3 Gedanken zu “Schweigen und predigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s