Rouladen und Familienkram

Gezwiebelt sitzen wir nach kalter Katzenwäsche am Frühstückstisch unter dem Apfelbaum. Das Rührei ist lecker, der Kaffee dünn.

Die Brötchen habe ich alleine geholt, sagt C, sind die lecker? Mmm, und Ja, strömt aus allen Mündern. Schade, dass es nur weiße sind, denk ich, mag ihren Stolz nicht schmälern.

U hat mir gesagt wie viele, weil er schon rechnen kann, ich will das bald mal lernen. Er hat mir Geld aus der Dose gegeben, darf er das? Klar. Dafür ist die Dose da. Da ist immer was drin, wer legt es da rein. Wir alle drei, manchmal auch Gäste. D, du auch? Ja. Warum, hat B dich nicht eingeladen? Sie ist doch deine Freundin.

Ich verdiene mehr Geld als die anderen und bekomme hier ganz viel. Gerne gebe ich auch was zurück. Was denn, fragt U. Mit euch zu sein und in einer Laubhütte schlafen zu können. Als Kind war das für mich ganz normal. Dann sind wir in die große Stadt gezogen und hatten dafür keinen Platz. Wir hatten in der Gemeinde eine, manchmal haben wir da gegessen. Kommst du aus einem warmen Land? Ja. Warum? Hier ist es jetzt manchmal arschkalt, wenn ich so ein Fest machen würde … vielleicht würde es an Mamas Geburstag beginnen, weißt du wann der ist? Nöh. Am 30. Juli. Du, ich bin Israel geboren, da sind jetzt um die dreißig Grad. Mmm, da muss ich wohl mal hin, aber warum lebst du jetzt hier? Als ich zwölf haben meine Eltern beschlossen, dass wir nach Deutschland ziehen. Warum? Mein Papa hatte hier einen guten Arbeitsplatz gefunden. Ihre Eltern lebten hier; ich glaube, sie wollten auch näher mit ihnen Leben.

L wringt die Thermoskanne, nur Tropfen. Ich setze Wasser auf. Ihr redet, das ist langweilig, sagt C. Ich gucke mal ob Mama wach. D, war das nicht so wie bei den Flüchtlingskindern heute? Warum? Du kamst aus einem Land, wo vieles anders ist. Konntest du Deutsch?

Mit meiner Mama habe ich Deutsch gesprochen, mit meinem Papa Englisch. Mit anderern Kindern Ivrit, auch im Kindergarten und in der Schule war das normal. Warum? Erzähle ich die andertmal, ich muss jetzt mal.

Mama ist wach, habt ihr Kaffee? Der läuft, warte bis L wiederkommt. C hüpft gen Hütte, kehrt zurück. U wir machen Rührei für Mama. Er steht auf. Ich nehme die kleine Pfanne.

Schweigend sitzen wir unter dem Apfelbaum. Genießen die Ruhe, schmieren, schneiden, beißen. Was machen wir am diesem Tag, fragt D. Am Abend möchte ich mit dir in die große Stadt zum G*ttesdienst, sagt B, auch brauche ich Pause. Pause klingt gut sagt L; B übernachtest du bei mir? Gerne. Ich bin mit meinen Eltern und meinem Bruder zum Mittagessen verabredet, dann wollen wir über Vollmachten und ihr Testament sprechen, sie waren beim Notar.

C und ihre Mama machen ein Kuschelfrühstück im Bett. Ich bringe ihnen gleich noch Kaffee. U schmiert Butter auf Brötchenhälften, Honig, legt Salamischeiben, geht nach Nebenan.

Abwaschen müssen wir. Dafür reicht das Wasser nicht. Ich bin wieder da, was machen wir jetzt, fragt U. Komm, wir tuen das Geschirr in den Hänger, stellen bei mir die Spülmaschine an. Gute Idee, kann ich da duschen? Nah klar, ich möchte das auch. Sie ziehen.

Teewasser setze ich auf. L holt die Staffelei, D singt sich ich ein. Ich liege mit bedruckten Kästnerseiten und einer Decke in die Hängematte.

K, was soll ich tun? Magst du die letzten Bohnen pflücken und sie zu meinen Eltern bringen? Warum? Ich habe es ihr versprochen. Wir treffen uns zum Mittagessen auch mit P und wollen etwas besprechen, was ihnen wichtig ist. Gibt es da leckeres Fleisch mit einer guten Soße? Ich weiß es nicht. Kriege ich was ab? Mama kocht lange nicht. Nimmst du den Auftrag an? Wenn es Fleisch oder Fisch gibt teile ich gerne mit dir, ich rufe sie an und frage, ob sie mehr Kartoffeln in den Topf tut. Ich gehe pflücken.

Ich rufe an im Elternhaus, Mutti nimmt ab, nah klar, auch ich schneide ihm gern was ab von meiner Roulade. Bringt ihr Kartoffeln mit, ich muss morgen früh zur Ärztin. Reicht dir eine Packtasche? Aber … Vom Lagern werden sie nicht besser. Sie sind so lecker, kriege ich nicht mal im Bioladen. Wir legen auf.

Ich lese weiter, muss eingeschlafen sein. K, U ruft mit seiner Stimme. Mmmmmhh, ich strecke mich. Was ist? Ich brauche deine Hilfe. Mmmh, warum? Ich habe die Lederjacke aus dem Schuppen schon an, knöpfst du sie hinten zu. Warum? Wir brauchen doch einen guten Nachtisch. Häh? Sie hat Quark, ich muss Brombeeren Pflücken. Ich rappele mich hoch, krempel auch Ärmel.

Ich gehe zum Steg, halte die Füße in den kühlen Fluss und zünde eine Zigarette, sauge den Rauch, sehe das Wasser fließen, meine Gedanken auch.

Ich lausche dem Geläut aller Glocken der alten Kirchen, das von der Altstadtinsel tief vertraut hinüberklingt.

K, bin ich ich dir willkommen jetzt, fragt L. Oh ja. L setzt sich neben mich, mit Bechern und Kanne. Magst Du? Ich nicke, ich rieche Minze. Wir trinken, sitzen wortlos nebeneinander.

K, darf ich Dir die Gretchenfrage stellen? Klar? Ich habe kein ja, kein nein. Ich glaube, es gibt mehr, als ich sehe, weiß dafür keinen Ort. Du weißt, ich hatte eine christliche Jugendphase. Was hat sich für Dich verändert. Meine Fragen. Auch an mich und die Gesellschaft, über sie, mein Wissensdurst, meine Leselust, als ich so jung wie U, versuchte ich erstmals „Das Kapital“ zu lesen. In den christlichen Räumen, gab es dafür genau sowenig Raum wie in meinem Elternhaus.

Wie war das bei Dir? Anders als ich bist du getauft und konfirmiert.

Anders. Meine Eltern haben evangelisch geheiratet, obgleich er katholisch, Flüchtling war auf dem Dorf, in das sie hineingeboren, immerhin als Bauerntochter. 8 Hektar bekam sie bei ihrer Hochzeit mit und ihre Lehre als Schneiderin. Soweit entfernt von ihrem Geburtsort, wie seit ihren Jahren im Heim, es sind 50 Km, hat sie sich vorher nie. Zu dieser Enge gehörte auch ein Gott, der alles sieht und straft. Ich mußte da raus.

K, paddeln wir ne kleine Runde? Ich nicke,wir tragen das Boot und legen ab.

U steht auf dem Steg. Endlich seid ihr da. K, Blumen für deine Mama habe ich schon geschnitten. Wir müssen los. Gleich, aber, wenn wir zu spät? Meine Mama macht sich erst nach zwei Stunden Sorgen. Meine schimpft schon nach fünf Minuten. Mamas sind verschieden. Pflückst du bitte Äpfel? Jo.

Ich packe Kartoffeln ein, wasche Hände, ziehe mich um, wir schwingen uns auf die Räder.

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