Spielstubenwiedersehen

Sonntag war ich eingeladen zu einem besonderen Wiedersehen: Ehemalige der Spielstube, in der ich in jungen Jahren als  Betreuerin  acht Jahre lang aktiv. Das ich als ältere Schülerin dort in manchem Jahr  mehr als Tausend Stunden was getan, weiß ich seitdem, ich hatte das vergessen.

In den siebzigern und bis in die neunziger Jahre hinein gab es in dieser nicht nur süßen Marzipanstadt „Übergangshäuser“.  Damals unterhielt  der städtische Wohnungsbauträger an verschiedenen Ecken  solche Häuser, für von Obdachlosigkeit bedrohte Familien, auf minimalem Standart. „Sozialer Brennpunkt“ gehörte noch nicht zum Standardwortschatz.

„Familenhilfe“ war noch nicht erfunden, „Schulspychologe“, und „Jugendamt“ noch eine Drohung. Beratungsstellen wurde gerade erfunden von anderen Menschen, die Nöte sahen und etwas verändern wollten.

Jahre bevor ich einstieg, hatten sich an einem Gymnasium Lernende gefunden, die begannen, Kinder und Jugendliche zu unterstützen, die in in einem dieser Häuser lebten.

Als ich mit sechzehn einstieg, war daraus ein Verein gewachsen, der eine „Spielstube“ in einem dieser Häuser machte.

„Offene Jugendarbeit“, heißt das heute.

Wir hatten, soviel zahlte uns die Stadt, gut achtzig Quadratmeter, Erdgeschoß, Elektroheizung und ganz viel Vertrauen, etwas verändern zu können, die Sicherheit „normaler“ Elternhäuser.

Was gab es da? Sechs Tage in der Woche Angebote: Schularbeitenhilfe, Alters- , Koch und Sportgruppen, Einzelbetreuung, Kinderdisco, Feste und Freizeiten, in allen Schulferien.

In den kurzen eine Woche Jugendherberge. Im Sommer drei Wochen Zeltlager.

Menschen, die uns unterstützten ließen uns auf ihre Wiese, schenkten uns Wasser, und anderes.

Wir machten Flohmärkte, Straßenmusik, schrieben auch an Stiftungen.

An Geld war immer Mangel. Jung wie wir waren, brachen  wir mit den Kindern wie verabredet auf, wenn wir nur Geldzusagen hatten, und nix auf dem Konto.

Einst haben uns am Ende einer Jugendherbergsfreizeit die Eltern einer Betreuerin ausgelöst. Nach schlafarmen BetreuerInnennächten war sie zur Telefonzelle gegangen, wir wußten von Nix. Am nächsten Tag, wir saßen noch beim Frühstück, fuhren ihre Eltern vor und zahlten unsere Rechnung bar, gut dreitausend Mark.

Jetzt hatten die Kinder von einst geladen zu einem Wiedersehen mit Kind und Kegel, auf einenWaldspielplatz, wo Grillen erlaubt. Mitzubringen waren Essen, Trinken, und Geschirr.

Es trafen sich etwa 40 Menschen.

Anfangs übten wir uns im Wiedererkennen, was nur unter denen gelang, die sich einst begegnet.

Die Tischrede hielt einer, der hat dort vor meiner Zeit gelebt. Er dankte, den Betreuern, die sich für ihn, den Arsch aufgerissen.

Genossen habe ich viele Gespräche und das Essen teilen auch mit Menschen, die nichts mitgebracht, außer sich.

Die Kinder von einst, schwärmten, von der Spielstube, als Highlight ihrer Kindheit. Manche haben sich schon zu Weihnachten auf’s Zeltlager gefreut. Das habe ich gelernt, an diesem Sommertag.

Wer war dabei? Menschen, die Ortsnah leben und von den einstigen „Kindern“, die die Zeit fanden und die es geschafft haben, in der Gesellschaft anzukommen, die Schule abgeschlossen, einen Beruf erlernt, Arbeit und Arbeitslosigkeit, kennen, wie auch wir einstige BetreuerInnen.

Einst war das unser Wunsch für „unsere “ Kinder.

Wen habe ich vermisst? So Manche.

Auch B, mit der ich drei Jahre Einzelbetreuung gemacht, bevor ich weg zog, zum studieren. Sie und ihre sieben Geschwister, lebten jetzt in verschiedenen JVA’s. Mich wundert das nicht.

Als ich sie kennenlernte war ich siebzehn, sie fünf. Mit ihr habe ich gelernt, es gibt sexuelle Gewalt an Kindern.

Der Vater saß meist, war nicht willkommen, in der kleinen Wohnung, wenn er entlassen wurde. Er wollte Ernährer sein, brach wieder ein, wurde erwischt, kam in den Knast. Zuvor zeugte er ein Kind.

Vier Kinder aus meiner Zeit, so hörte ich, sind aus dem Leben gegangen.

F, den ich vor drei Jahren im Baumarkt traf wollte auch zu diesem Treffen kommen, Er starb zwei Tage früher: Herzinfarkt.

Damals sprachen wir lange, er stellte mich seiner Familie vor, sagte seinen Kindern ohne mich könnte ich nicht lesen, hätte keinen Schulabschluss.

Wir trafen uns in dem Siedlungshaus, das sie sie gebaut, auf einen Kaffee. Einst hatte ich ihm gezeigt, wie Fahrrad flicken geht und Anderes.  Als Jugendlicher hat er mitgemacht, wenn wir vor den Zeltlagern Räder schraubten.

Er zeigte mir das Rad, seines ältesten Sohnes. Ich staunte, hätte es in meiner Rahmengröße gerne Probe gefahren, der Rahmen war zu groß.

Dreitausend dachte ich … Mein erstes Ladenrad hatte ich zum Abi bekommen.

Er fuhr Brot am frühen Morgen im LKW und putze nachts, Minijob auch schwarz, seinen Kindern sollten ohne Mangel leben, sagte er damals beim Kaffee.

Aufräumen gehört zu allen Festen.

Ein „Kind“ von einst hatte eine Wiederholungsidee. trainiert die  Mannschaft seines jüngsten Sohnes. Die Ex-BetreurInnen sagten „Nein“.

Wir sprachen von uns, auch davon, was den Kindern von einst, neu war. Die Hintergrundarbeit, auch mit ihren Eltern. Wenn bei uns miteinander Kochen anstand, mit Altersbegrenzung, gab es in manchen Familien kein Mittagessen.

Bei Freizeiten hatten wir den Eigenanteil von 10 DM pro Woche, pro Kind. Weniger, als im damaligen Sozialhilfesatz für Essen vorgesehen. Manchen Eltern war das zu viel . Wir waren im Dilemma.

Ihr  habt das doch nicht einfach so gemacht? Doch. Ihr kriegt doch Geld dafür. Nöh, in meinem ersten Jahr haben wir die Aufwandsentschädigung von zehn Pfennig pro Stunde abgeschafft. Warum? Eine Freizeit wäre dann ausgefallen.

Ihr hattet doch Alles, Zelte, Schlafsäcke, Fahräder …

Bäume hatten wir  nicht an denen sie wuchsen. Wir erzählen, lauschen.

Ich radle mit den Bruder heimwärts. Wir bleiben an einer Ecke stehen und sprechen von uns.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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