Für mich war er H

Die Knaben sind unterwegs, ich treffe mich mit C, der englischen Lehrerin in der Stadt. Schon im Vorfeld war ich über ihren Nachnamen gestolpert, gleich lautend mit dem des längst verstorbenen Familienfreundes.

U hatte mich überzeugt, so haben wir vor ein paar Tagen im Garten gegrillt: Die AustauschschülerInnen, ihre Begleitung und hiesige Eltern.

Da habe ich C gefragt, ob ihre Vorfahren aus Italien gekommen und eine Eisdiele hatten. Síe schaute mich mit großen Augen an und sagte, ja. Hieß er H, war mal Besatzungssoldat in dieser Stadt, hat hier M kennen gelernt? Wir schwiegen, sprachen danach, lange. H, war ihr Großonkel.

Schon eine Runde haben wir gedreht durch diese Stadt, nicht nur auf seinen Spuren, wir sprachen auch von uns.

Ich freue mich, auch weil auch meine Mutter kommen wird, die H kennen gelernt, als sie ein Kind und mit M’s Tochter aufgewachsen ist, vor langer Zeit in Königsberg.

Wir treffen uns an einer Ecke, bleiben lange redend stehen. Ich kann nicht so lange stehen, sagt Mutti. Wir setzten uns bein Bäcker mit Kaffee und reden, von uns, von H, vom Leben.

Ich zeige euch den Ort, sagt Mutti, wo die beiden sich begegnet sind. Wir ziehen die Jacken an und gehen zu einem Teller. Hier ging seinerzeit, die Straße lang, ohne Beleuchtung. H hat sie angefahren mit seinem Jeep und hat dann gehalten, sie zu uns gebracht. M konnte noch kein Englisch, meine Mutter und meine Tanten sprachen mit ihm.

Beide haben dann gelernt.

Weißt du, warum sie keine Kinder hatten? Sex war ihnen immer wichtig? Ja, ich habe M noch einmal besucht, nach seinem Tod, sie sagte, das sie es vermisst mit ihm zu schlafen. M hatte einst in Königsberg eine Küchentischabtreibung, glaube ich. Mutti, das hat sie mal erzählt, bei Wein auf dem Balkon, auch das sie sich nach ihrer Hochzeit sich Kinder gewünscht. J, haben beide angenommen auch I, ihr Mann, als sie in seinem Fronturlaub ein Kind vor ihrer Haustür fanden.

J war nicht ihr Kind? Du weißt das nicht? Bis eben habe ich geglaubt, er war ihr Vater … War er, sozial und liebevoll, gleichzeitig war  nur zwölf Jahre jünger, als J und und sechzehn als seine Frau.

Hat er Euch mal von der Normandie erzählt? Ja, auch vom Blutroten Wasser, auch von den Schüssen und vom Sterben  ringsum, auch davon, das er mit  vollgeschissener Hose nur noch leben wollte. Erzählt hat er auch von Bergen-Behlsen, wohin er mit siebzehn als „Befreier “ kam, und seinen Wochen im „Revier „, wo er sich, wie er sagte, sich die Seele aus dem  Leib gekotzt und Angst hatte, sich angesteckt zu haben, davon sagte er, als er sterbenskrank.

Das hat er mir erzählt, als wir ihn zuletzt besucht, ich saß an seinem Bett. K, warst du dabei? Nein, unsere Eltern fuhren allein, mein , Bruder und ich vertraten sie zu Hause. Wie? Wir waren ein Geschäftshaushalt, an uns blieb manches hängen. D, warum habt ihr das gemacht?

Uns war es wichtiger, mit ihm Zeit zu leben, als zu seiner Beerdigung zu fahren.

C, das er zu unseren Befreien gehörte, habe ich erst als alte Frau begriffen, für mich war er H.

 

 

 

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