Herzgewichte

Schweren Herzens ruft mich die alte Freundin heute an, spricht von ihren Magenschmerzen,  ihrer Angst, vor dem, was kommt auf sie.

K, hast du Zeit? Gleich, ich gebe den Knaben Dönergeld. Jetzt, was ist, du klingst nicht gut.

Ich habe H heute zurückgeholt aus dem Heim. Äh, hattest Du, sie nicht mit Bauchschmerzen, vor etwa zwei Wochen …  Hatte ich … Äh und …? Geht gar nicht! Wie? Homophobie, ein anderes Wort fällt mir nicht ein.  Wie?

Wenn Männer, die auch mit Demenz leben, von denen ich nicht weiß, wie sehr sie allein, kann ich fast damit leben, das sie neidisch werden. wenn wir uns begrüßend küssen. Wenn die gleichen Kerle, dann ankommen mit dem  „Argument“, H müsse nur mal ordentlich durchgev… werden, dann würde sie  normal … Äh, und sie Mitarbeitenden? Mit denen bin ich durch, auch mit dem Heimleiter? Wieso? Er meinte, wir sollen uns nur küssen, wenn es niemand  sieht. Bitte??? Ich soll da auch nicht mehr übernachten, bei andern Eheleuten oder in Partnerschaften ist das kein Problem. Hat der sie noch alle?

Mir, knurrt der Magen, nebenbei, beiße ich jetzt Banane. Mach. Ihn würde ich gerne beißen, in zarte Teile. Dein Geschmack? Wir lachen..

K, F, ist gerade hier, G hat ihn angerufen, sie backen zusammen, deshalb kann ich telefonieren; hast du eine Idee? Früher hätte ich geklagt, mir fehlt die Kraft dafür. Verstehe und das andere Heim bei Euch? Vergiss es, da gibt es nur dreimal in der Woche Essen ohne Tier, zusammen übernachten ist ausgeschlossen. Fällt aus für mich, sie nachts zu spüren, ist  Alles, was noch normal und mir vertraut ihr. Ich liebe sie noch immer.

Wir schweigen.

K, ich sehe nur noch den Weg, Pflegefrauen aus Osteuropa zu engagieren. Männer fallen aus bei ihr, auch weil sie inzwischen Unterstützung bei Körperpflege braucht. Weíss ich, immer Sommer hat sie mir davon gesagt, auch davon, was sie mit zehn erlebt … Mir gefällt das nicht.

Du, jetzt gibt es Applepie, ich muss. Passte ich, ich kröche durch die Leitung. Ich höre Deinen Magen knurren.

Ich schaue in den Kühlschrank und ins Eis: Schnelles ist verdunstet.

K! hast du Hunger? Und wie! Ich will uns Nudeln machen, isst du mit? Gerne, was haben wie denn noch? Nicht so viel, wir kaufen jetzt ein, wir brauchen auch Thunfisch, J macht uns Sandwiches für morgen.  Machst du Mayo?

Ich gehe jetzt mit einem Buch auf’s Klo? K! Wieso? Ich brauche eine Pause.

Ich lese nicht, ich denke nach, verrichte mein Geschäft und wasche Hände.

I rufe ich an, er arbeitet mit dementen Menschen, hat die beiden im Sommer erlebt. Hast du eine Idee? Noch nicht, ich rufe dich an, wenn mir was einfällt.

K, lass uns essen.

Mir mundet es, auch wenn ich keinen Thunfisch kaufe.

Die Knaben räumen ab, füttern die Spülmaschine.

K, spielen wir noch mal? Ich sage leichten Herzens ja.

 

4 Gedanken zu “Herzgewichte

  1. Dieses „Argument“ ist SO typisch. Immer wenn ich irgendwo auf Veranstaltungen, Demos etc. bin und da sind behinderte Lesben, anders nicht heterosexuelle Frauen oder trans Personen (sowohl Frauen wie Männer) erzählt jemand mit Einrichtungserfahrung (Wohnform, Werkstatt, Reha…), sie oder er traue sich nicht sich zu outen wegen solcher Sprüche und aus Angst, dass das mal jemand in die Tat umsetzt…

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